Hintergrund

Regionale Chemotherapie – Verfahren, Anwendung und Vorteile

Durch die erhebliche Zytotoxizität sind der Chemotherapie bei intravenöser systemischer Anwendung hinsichtlich der Dosierung von Zytostatika und Chemotherapeutika klare Grenzen gesetzt. Bei Tumoren, die nur auf sehr hohe Konzentrationen einer Medikation ansprechen, kann es unter einer systemischen Chemotherapie zum Ausbleiben oder einer nur geringen Ansprache des Tumors auf eine systemische Chemotherapie kommen. Zudem kann es z. B. unter einer platinhaltigen Chemotherapie zur Ausbildung von Resistenzen der Tumorzellen kommen, die dann aufgrund der systemischen Toxizität nicht durch eine Dosissteigerung durchbrochen werden können. Durch die nur lokale oder regionale Anwendung der RCT können dagegen z. T. bis zu 80-fach höhere Konzentrationen der tumorwirksamen Medikation im Tumorgewebe erreicht werden.

 

Gute Wirksamkeit der RCT bei soliden Tumoren

Die RCT kann bei soliden Tumoren angewandt werden. Allerdings sprechen nicht alle Tumorarten gleich gut auf eine hochkonzentrierte Therapie mit der RCT an. Gute Ansprechraten zeigen u. a. Kopf-Hals-Tumoren, das Bronchialkarzinom und Pleuramesotheliom, das Mammakarzinom mit und ohne und Metastasen, das cholangio- und hepatozelluläre Karzinom sowie Karzinome von Pankreas, Blase, Prostata und der Ovarien. Verschiedene Studien zeigen, dass in der Regel etwa die sechsfache Konzentration der Medikation notwendig ist, die mit einer systemischen Chemotherapie erreicht werden kann, um eine nachhaltige Zytotoxitität in soliden Tumoren zu erzielen. Mit den verschiedenen RCT-Techniken können im Tumor drei- bis zehnfach, im Extremfall bis zu 80-fach höhere Konzentrationen der Zytostatika erreicht werden. Welche der Techniken zum Einsatz kommt, muss jeweils individuell evaluiert werden. Primäres Ziel der RCT ist die Reduktion der Tumormasse, um eine operative Resektion zu ermöglichen und einen Eingriff so klein wie möglich zu halten. Im Idealfall kann es aber auch ohne Operation durch eine RCT zur Remission kommen. Zentrales Kriterium für den Therapieerfolg ist eine gute Vaskularisierung des Tumors, denn bei schlecht vaskularisierten Tumoren kann auch über eine arterielle Infusion oder Perfusion nur eine geringe zytostatische Wirkung erzielt werden. Faktoren, die die Vaskularisierung eines Tumors negativ beeinflussen können sind Narbenbildung durch vorherige chirurgische Eingriffe, vor allem aber die vorherige Radiotherapie, wie Studien belegen. 

 

Vorteile der RCT

Die zwei wesentlichen Vorteile der RCT sind die hohen zytostatischen Konzentrationen, die im Tumorgewebe erzielt werden können sowie die nur geringen systemischen Nebenwirkungen durch die lokale oder regionale Anwendung mit anschließender Chemofiltration der Medikation zur Reduktion der systemischen Toxizität. In 95 Prozent aller Fälle wird die RCT daher von Patienten gut bis sehr gut vertragen. Durch die geringen Nebenwirkungen wird die Lebensqualität wenig beeinträchtigt bzw. nach der Behandlung durch eine häufig schnelle Regression des Tumors verbessert. So werden z. B. Übelkeit und Erbrechen nach der Behandlung äußerst selten beobachtet.

 

Techniken der RCT

Die RCT kann – je nach Fragestellung – mit verschiedenen Techniken durchgeführt werden. So kann eine arterielle Infusion mit einem Angiokatheter erfolgen, der unter lokaler Betäubung in eine Arterie in der Leistenregion eingeführt, bis zum Tumor vorgeschoben und dort platziert wird. Bei einer zweiten Methode wird ein arterieller Portkatheter in das Blutgefäß implantiert, das den Tumor versorgt. Mit dieser Methode kann der Tumor so oft wie nötig infundiert werden, ohne dass jeweils erneute Eingriffe erfolgen müssen. Die Chemoembolisation stellt ein drittes Verfahren der RCT dar. Sie wird vor allem bei Tumoren und Metastasen der Leber eingesetzt. Dabei werden die Kapillare in der Tumorregion mit Mikropartikeln verschlossen und das Zytostatikum im Tumorbereich gehalten. Infolge des geblockten Blutflusses entsteht im Gewebe eine Hypoxie, die die Wirksamkeit einiger Zytostatika erhöht. Schließlich kann die RCT noch als isolierte Perfusion im Rahmen einer Operation chirurgisch durchgeführt werden. Dabei wird ein Organ oder einer Körperregion mit Kathetersystemen vom Blutkreislauf isoliert und anschließend mittels einer externen Pumpe mit einer hohen Zytostatikakonzentration durchströmt. Gleichzeitig oder unmittelbar vorher kann dem Tumor Wärme zugeführt werden (Hyperthermie) und/oder der Sauerstoffgehalt des Blutes nach Gabe des Zytostatikums herabgesetzt werden (Hypoxie). Dies bewirkt bei einigen Zytostatika eine bis zehnfach höhere Toxizität am Tumor. Die isolierte Perfusion kann an den Extremitäten, am Thorax mit Kopf, im Abdomen, im Becken sowie in der Leber durchgeführt werden. Bei allen Techniken der RCT kann nach Ende der isolierten Perfusion eine Chemofiltration eingesetzt werden, mit der die Zytostatika aus dem Blut gefiltert und so die systemische Toxizität gesenkt bzw. verhindert werden. Durch die Chemofiltration treten bei der RCT nur sehr wenige bis keine Nebenwirkungen auf.